Tipps & Tricks Umwelt & Nachhaltiges

Auf dem Weg zum Mehrwegbecher – Coffee-to-go

Eine Kaffeetasste mit einem Kaffee steht auf einemTisch mit weiß blauen Kacheln

Oder: Was kannst Du jetzt schon gegen den Abfallberg tun?

Das Thema Mehrwegbecher (Coffee-to-go) beschäftigt mich nun schon länger als ein Jahr. Manchmal habe ich den Eindruck einige Menschen kennen von mir gar kein anderes Thema :-).

Beim Barcamp Rhein-Neckar habe ich letztes Jahr eine Session zum Thema: Was machen wir mit Pappbechern?, gehalten. Dabei haben wir auf drei Flipcharts (1, 2, 3) Ideen gesammelt, wie man Menschen dazu bewegen könnte, auf die Coffee-to-go-Einmalbecher zu verzichten und statt dessen Mehrwegbecher zu verwenden. Das war im Prinzip der Anstoß für mich das weiter zu denken und zu entwickeln.

Der bundesweite Anstoß

Die Abfallwirtschaft und Stadtreinigung Freiburg (ASF) hat im Jahr 2016 faktisch als erste Kommune ein Pfandbechersystem mit dem Namen Freiburgcup etabliert. Der Eigenbetrieb der Stadtverwaltung war mutig und hat ein Bechersystem in der Absicht gestartet es zu testen und letztendlich eine Firma zu finden die die Abwicklung der Becherausgabe und Rücknahme nach einiger Zeit übernimmt.

Dies hat für die ASF Freiburg ein unerwartetes Medienecho hervorgerufen. Außerdem konnten sie durch diesen frühen Schritt wertvolle Erfahrungen sammeln und damit am eigenen Konzept feilen. Das folgende Video vom SWR gibt einen Rückblick auf die Einführung des Freiburgcups:

Der Effekt des Freiburger Bechermodells im deutschsprachigen Raum ist der, dass sich hunderte Kommunen, Kreise, Organisationen, Firmen, Unis und Studierendenwerke mit der Thematik beschäftigen, planen und diskutieren, ob sich ein Pfandsystem in ihrer eigenen Stadt etablieren lässt und ob sie eigene Bechereditionen auf den Markt bringen.

Einerseits ist es gut, dass man sich mit der Abfallvermeidung in diesem Fall auseinandersetzt. Andererseits raubt das viele Ressourcen, da jede*r das Rad neu erfindet. Ich halte es nicht für sinnvoll, wenn es pro Kommune, Kreis und Einrichtung je eine eigene Insellösung gibt, die nicht mit den anderen kompatibel ist. Langfristig erzeugt das auch wieder Abfall.

Warten?

Ob sich Anbieter wie beispielsweise Con-Cup, recup, fair-cup, als einheitliches Becherkonzept bundesweit durchsetzen oder der Gesetzgeber endlich eine Abgabe oder ein Verbot von Einwegverpackungen einführen ist derzeit unklar.

Jetzt handeln!

Ich möchte Dir in diesem Beitrag kurz aufzeigen, was Du nachhaltig in Deiner Umgebung jetzt schon tun kannst, auch wenn es noch keine Pfandbecher gibt. Denn, nur wenn jede*r seinen beziehungsweise ihren Teil einbringt, kann das im Großen und Ganzen etwas werden.

Konsument*in

Wir als Konsumierende haben eine oft unterschätzte Macht auf die Läden und Cafés. Nur dadurch, dass wir uns anders verhalten, Fragen stellen, diskutieren und andere Gäste mit Ideen und Gedanken anstecken, oder einfach nur mit gutem Beispiel vorangehen, bewegen wir etwas. Und:

Steter Tropfen höhlt den Stein!

Nimm Dir Zeit

Doppelter Espresso mit schöner Crema von oben auf einem HolztischJa ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Und doch ist es zugleich sehr einfach. Gerade wir Deutschen haben immer das Gefühl beschäftigt und gehetzt aussehen zu müssen.

Bitte versuche einfach eine Woche lang pro Tag 15–20 Minuten mehr Zeit einzuplanen.  So kannst Du das (Heiß-)Getränk oder Dein Essen vor Ort genießen. Möglicherweise kannst Du gleichzeitig in Ruhe einen Blick in die Zeitung, Dein Smartphone werfen oder einfach das Geschehen und die Menschen beobachten.

Der Vorteil: Du bist entspannter und Du bekommst Getränke und Essen im Optimalfall im wiederverwendbaren und spül baren Geschirr. Das spart Unmengen an Verpackungsabfall, ist sehr schick und der Umwelt sowie Dir selbst gegenüber achtsam.

Bring Deinen Becher mit

Du kannst natürlich warten, bis die Behörden so weit sind und es bundesweite Einwegbecherverbote, Abgaben auf Einmalverpackungen gibt oder gar ein Becherpfandsystem etabliert ist. Der einfachste Weg etwas zu tun ist Dir Deinen Lieblingsbecher anzuschaffen.

Das hat den Vorteil, dass Dir der Becher gefällt. Außerdem kannst Du beim Kauf darauf achten, dass er zu Deinem Nutzungsverhalten passt. Je nach Belieben aus Alu, Bambus, Porzellan, Baumsaft, möglichst leicht, möglichst stabil, möglichst auslaufsicher, klein, groß, rot, grün, blau, pink, lila und so weiter.

Decke Missstände auf und mache sie öffentlich

Schreibe über Dinge, die Dir im Alltag auffallen, in den sozialen Netzwerken, auf Deinem Blog, den Parteien, dem Gemeinderat, …

Folgend ein Beispiel der Bäckerei Görtz. Diese hat das zwar bis heute nicht geändert, aber sie befüllt immerhin inzwischen meinen Becher, wenn ich einen mitbringe und gibt mir die Backwaren ohne Pappe auf die Hand:

Ein Rosinenbrötchen liegt auf einem Pappteller und der Kaffee ist im Einwegbecher.

Frag nach und diskutiere

Stelle einfache Fragen, auch wenn sie im ersten Moment unbequem erscheinen. Sie regen das Nachdenken über gewohnte Arbeitsabläufe und stupide ausgeführte Handlungen an:

„Würden Sie (m)einen mitgebrachten Becher befüllen?“

„Gibt es einen Rabatt auf das Getränk, wenn ich mein eigenes Gefäß mitbringe?“

(Falls ja) „Das ist ja toll. Sie sollten das hier groß irgendwo hinschreiben, dass Sie dies tun.“

(Falls nein) „Warum nicht?“

„Würden Sie das bitte für mich bei Ihrer  Vorgesetzten anregen?“

Das sind die meist gestellten Fragen, die ich in fast jedem Café oder Imbiss stelle, bei denen es frische Nahrungsmittel oder Getränke zum Mitnehmen gibt, sofern ich gut drauf bin. Das funktioniert auch, wenn Du keinen eigenen Becher dabei hast, also „Mal angenommen ich hätte meinen eigenen Becher dabei …“

Bei Kaffeebechern sind viele Betriebe meistens dabei diesen zu befüllen. Beim Essen gibt es häufig Schwierigkeiten, da sie die Menge nicht richtig einschätzen können. Es ist generell hilfreich, das Fassungsvermögen des Behältnisses zu kennen. Manche Becher haben auch einen Eichstrich bei 300, 400 oder 500 Milliliter.

Mehrwegbecher steht auf einer Serviette und dem Bahnticket.Beispielsweise bei der Deutschen Bahn habe ich diese Fragen bei jeder Bahnfahrt freundlich und konsequent gestellt und das Ergebnis auf Instagram, Twitter und Facebook geteilt. Mit anderen, die diese Frage gestellt haben, habe ich so schnell etwas bewegen können.

Inzwischen gibt die Deutsche Bahn auf den Kaffee in mitgebrachten Bechern einen Rabatt von 20 Cent und bietet in den Zügen einen eigenen Becher an (Pressemitteilung). Auch das wird veröffentlicht:

Mehrwegbecher steht auf einer Serviette.

Aus hygienischen Gründen …

Edelstahl Kännchen befüllt Mehrwegbecher, der bereits mit Milchschaum befüllt istOft kommt das „Totschlagargument“, dass sie das nicht tun können, da das aus hygienischen Gründen verboten sei. In der Regel sind die Veterinäre und das Gesundheitsamt auf unserer Seite. Es gibt keinerlei rechtliche Vorgaben oder Bedenken die das verbieten würden.

Allerdings gibt es Vorgaben, die für die gesamte Gastronomie gelten. Beispielsweise, dass Gastronomen das Behältnis nicht mit der Maschine, Schöpfkelle oder der Flasche berühren sollen oder dass das Personal nach dem Kontakt mit dem fremden Becher die Hände waschen soll.

Gerade für die Kaffeemaschine ist ein Edelstahlkännchen hilfreich, in dem der Kaffee aufgenommen und in den Mehrwegbecher geschüttet wird.

In vielen guten Cafés passiert das ohnehin schon so. Dazu kann der mitgebrachte Becher auf der Theke stehen bleiben und muss nicht berührt werden. Das Becherleben erklärt das hier mit etwas Humor Schritt für Schritt.

Beim Rabatt winken viele Angestellten ab. Es kommt ein „Das kann ich nicht entscheiden“ oder ein „Da muss ich meinen Chef fragen“. Ich sage dann immer „Ja, ich bitte darum. Bitte fragen Sie für mich Ihren Chef“.

Andere Ideen und Aktionen

Bestimmt gibt es noch viele weitere Ideen, die mir im Traum nicht einfallen. Deshalb mach was und bewege andere etwas zu tun. Gemeinsam macht das noch mehr Spaß. Aktionsgruppen könnten ein Seifenkistenrennen aus selbstgebastelten Becher-Autos machen. Oder in einem stilisierten Mehrwegbecher-Kanu über den angrenzenden Fluss fahren. Das folgende T-Shirt kann gerne als Inspiration für eigene Projekte dienen:

T-Shirt-Aufdruck: In einer stilisierten Tasse steht "Mehr to stay, weninger to go"

Angestellte

Das Personal hat eine große Macht, indem es selbst aktiv wird und an den richtigen Stellen nachfragt und/oder Anregungen der Kundschaft an die Vorgesetzten weiter gibt.

Natürlich geht das nur, wenn der Laden nicht bis hinten voll steht und Du den nötigen Freiraum hast und damit Deine Arbeit nicht gefährdest.

Ladenbesitzer*in

Wir sind toll – wir befüllen Ihr mitgebrachtes Gefäß/Ihren Becher

Ein Schild weist Kundinnnen darauf hin, dass ein mitgebrachter Becher Müll und 20 Cent spart.Wenn Dein Laden mitgebrachte Gefäße befüllt, teile das bitte einfach und lautstark mit. Das könnte zum einen über die sozialen Netzwerke, die Website oder auch einen Zeitungsartikel geschehen. Zum anderen gehört dieser Hinweis auf die Karte, auf die Theke oder als Aushang an die Türe.

Das Bild zeigt den Aushang im Café Tiefburg in Heidelberg-Handschuhsheim.

Nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber. Wer weiß, dass Becher in diesem Laden befüllt werden, bringt beim nächsten Besuch vielleicht sogar sein eigenes Gefäß mit, das (schon länger) zu Hause im Schrank steht.

Wer bereit ist den Becher mitzuschleppen, sollte belohnt werden

Mache Deine Preise für Speisen/Getränke zum Mitnehmen im Wegwerfbecher und -gefäß mindestens 20 Cent teurer. Wer sein eigenes Gefäß mitbringt, bekommt 20 Cent Rabatt auf den Inhalt.

Der Werbespruch an der Kasse lautet dann: „Wer keinen (Pappbecher) nimmt, kriegt 20 Cent!“ oder „Wer sein Gefäß mitbringt, bekommt 20 Cent!“. Das ist ein positiver Anreiz etwas zu tun, regt zum Nachdenken und Handeln an.

Natürlich geht das auch anders herum „Im Pappbecher kostet das Getränk 20 Cent mehr“. Ich bin allerdings ein Freund des Belohnens einer guten Sache.

Große Firmen, Organisationen, Schulen und Kantinen

Im Prinzip zieht hier das gleiche, was auch schon bei den kleinen Läden funktioniert. Nur der Einfluss und die Auswirkungen sind größer.

Kantinen, Bistros und Kioske können selbst darüber nachdenken wie sich der Arbeitsablauf verändern lässt um Mehrwegbecher und -behältnisse einzuführen. Hilfreich kann es hier auch sein Mitarbeiter*innen des Umweltamtes und Berater*innen der Entsorgungsbetriebe in die Ideenfindung einzubeziehen. Oftmals haben sie einen anderen Blick auf die Prozesse und liefern frische Ideen.

Hier wünsche ich mir, dass von der Leitung Vorgaben gemacht werden, dass das Mitbringen von Pappbechern und anderen Einweg-Behältnissen die Ausnahme wird. Also dass es zur Organisationskultur wird, hier auf Nachhaltigkeit zu achten und das auch zu leben.

Gerade bei großen Firmen und Einrichtungen lässt sich viel erreichen, indem Getränkeautomaten auf Mehrweg umgestellt werden. In manchen Schulen haben sich Rücknahmeautomaten für Pfand-Becher etabliert und bewährt.

Andere mit finanziellen Mitteln unterstützen

Firmen können im Rahmen ihrer nachhaltigen Unternehmensführung (CSR) die regionalen Ideen und ehrenamtlichen Akteure mit Geldern und Informationskampagnen unterstützen.

Kommunikatorinnen wie beispielsweise Julia Schönborn können hier hilfreiche Beratung und Unterstützung geben.

Städte und Kreise

Machen Sie bitte Druck auf die Landes- und Bundesregierung für eine bundes- oder sogar europaweite Lösung. Lobbyverbände können das auch.

Bitte unterstützen Sie als Stadt oder Kreis die regionalen Kampagnen und Ideen mit Geldern und Informationskampagnen. Obwohl Sie nicht zur CSR verpflichtet sind, haben Sie eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung und eine Vorbildfunktion zur Nachhaltigkeit.

Schön wäre es, wenn Sie eine Informationskampagne starten, bei der Sie sowohl Gewerbetreibende als auch Bürger*innen für die Thematik sensibilisieren. Sollten Sie keine Ideen für Aktionen, Wettbewerbe und die Öffentlichkeitsarbeit haben, lassen Sie sich einfach von anderen Städten und Kreisen inspirieren. Beispielsweise Heidelberg (Becherkarte), Rostock, Oldenburg, Köln, Kiel, Hannover, Berlin, München. Eine weitere Quelle für das Bechergeschehen ist das Becherleben.

Bundesländer, Deutschland, Europa und die Politik

Ja, ich weiß es gibt immer Gründe etwas nicht zu tun.

In Zeiten, in denen Länder in Afrika seit mehr als acht Jahren Einwegplastiktüten verboten haben und wir im Pazifik eine schwimmende Plastikinsel größer als manch ein europäisches Land haben zählt das nicht!

Keine Widerrede, es gibt kein „aber“. Bitte nennen Sie mir diesbezüglich Gründe Sie zu wählen und tun Sie etwas – JETZT SOFORT!

Meine achtjährige Nichte, weiß schon, dass wir nur einen Planeten haben und der Erdüberlastungstag (der Tag, ab dem wir rechnerisch auf Pump leben) jedes Jahr früher kommt. In diesem Jahr war er am 02. September.

Weitere Ideen?

Bestimmt habe ich in dieser Liste noch Gruppen und kreative Ideen vergessen. Hast Du noch Anregungen, kommentiere bitte diesen Artikel oder schreibe mir eine E-Mail.

Ich bin Heidelberger, fotografiere leidenschaftlich gerne und meine Berufung liegt in der Etablierung einer Konfliktkultur (Mediation). Ich schreibe auf meinen Weblog über das, was mich bewegt und Heidelberg - die Stadt, welche ich liebe.

4 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Der Kaffeeautomat bei uns auf der Arbeit hat einen Knopf „Becherstorno“. Damit lässt sich ie Einwegbecherausgabe stoppen und man wird aufgefordert einen eigenen Becher unterzustellen. Funktioniert prima und aus einer richtigen Tasse schmeckt es auch besser :).

    1. An einem Bild der Storno-Taste habe ich auch Interesse. Könntest Du bei der Gelegenheit gleich den Automaten fotografieren damit ich sehe, ob unser das auch kann.

      Ansonsten finde ich diesen BNeitrag großartig und auch die Nennung des Hannoccino-Bechers aus Hannover finde ich sehr gut. Leider kochen viele (u.a. Tchibo, Starbucks etc.) noch ihr eigenes Mehrwegsüppchen und befüllen nur Becher mit einer Skala. Daher führt meiner Meinung nach kein Weg an einer bundesweiten Regelung vorbei.

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